Dr. W. Dürrschmidt - Physik und Ethik als Basis


Etappe 1: 
weitere Informationen

Physik, Naturwissenschaften, Ethik, Verantwortung
1969-1979 Universität Tübingen:

1975: Abschluss als Diplom-Physiker (Dipl. Phys.)
Diplomarbeit: „Aufbau eines Mikrowellen-Spektrometers im Frequenzbereich 120 bis 135 GHz“ im Institut für Physikalische und Theoretische Chemie der Universität Tübingen bei Prof. Dr. Zeil

1976-1979:  Doktorarbeit 
im Institut für Physikalische und Theoretische Chemie der Universität Tübingen bei Prof. Dr. Zeil; Schwerpunkte/Stichworte: Quantenphysik, Angewandte Physik, Molekülstrukturen, Physikalische Chemie, Mikrowellen- und Hochfrequenz-Technik, Apparatetechnik;
Dissertation zum Thema: „Aufbau eines Mikrowellen-Mikrowellen-Doppelresonanz-Spektrometers und Untersuchung der Messparameter zur Optimierung“

1979:  Promotion zum Doktor der Naturwissenschaften (Dr. rer. nat.) 
an der Universität Tübingen

1976-1979: Teilzeit-Mitarbeiter im Institut für Physikalische und Theoretische Chemie der Universität Tübingen bei Prof. Dr. W. Zeil

1970-1979: Parallel zum Physikstudium und zur Doktorarbeit in Tübingen:

Teilnahme an weiteren Lehrveranstaltungen wie:
Biologische Kybernetik (Prof. Dr. Braitenberg), 
Ethik (Prof. Dr. Jens), Philosophie (Prof. Dr. Bloch), 
Umwelt und Gesellschaft (Prof. Dr. Stumpf, Physiker), 
Naturwissenschaften und Verantwortung (Prof. Dr. Mack, Physiker);
Praktikum im Max-Planck-Institut für Biologische Kybernetik zum Thema Gehirnforschung (Prof. Dr. Braitenberg);
Kurse des Sportinstituts der Universität Tübingen in den Disziplinen 
Bergsteigen, Rudern, Skifahren, Wildwasser-Kajak

Einordnung:

Die Zeit an der Universität Tübingen in den 70er Jahren des 20. Jahrhunderts nutzte ich, zusätzlich zum Studium und zur Promotion den Horizont in verschiedenen anderen Disziplinen zu erweitern. Hilfreich dafür waren verschiedene fachübergreifende Lehrveranstaltungen und Veröffentlichungen, auch aus dem Kreis der Physik-Professoren (s.o. und Literatur). 

Die damalige Phase der Studentenunruhen konnte ich im abgelegenen Tübingen zwar verfolgen, hatte aber stets Abstand zu einschlägigen Gruppen oder Parteien gehalten. Aus den damals oft vorherrschenden verkrusteten Strukturen einerseits und deren rigider Ablehnung andererseits suchte ich nach Verbindendem. Meine Schlussfolgerung war, mich persönlich und beruflich dafür einzusetzen, dass Lösungen gefunden werden, die auf dem positiv Erreichten aufbauen und zugleich Blockierendes überwinden, um zukunftsweisend zu wirken.

Insgesamt führte diese Suche zu der Überzeugung, mich mein ganzes Berufsleben Aufgaben zu widmen, die ich für wichtig und sinnvoll halte. Dieses Engagement sollte auf wissenschaftlich fundierter Basis erfolgen und Verantwortung für gesellschaftlich relevante Prozesse übernehmen. Neben fundierter wissenschaftlicher Erkenntnis wollte ich aber auch den „gesunden Menschenverstand“ und die ethisch-geistige Dimension einbeziehen.

Die Ethik-Komponente - und Bedeutung der Verantwortung gerade von Physikern - konnte ich in Lehrveranstaltungen der Universität Tübingen kennenlernen, die zusätzlich zum Lehrplan angeboten wurden: So hielt Prof. Dr. Harald Stumpf nicht nur Vorlesungen zu Theoretischer Physik, insbesondere Thermodynamik, sondern auch zu einer Einführung in die Zivilisationsökologie, die 1976 als Buch "Leben und Überleben" veröffentlicht wurde. Prof. Dr. Mack hielt nicht nur Vorlesungen zur Kernphysik, sondern auch zu "Verantwortung von Naturwissenschaften". Darüber hinaus hatte ich Gelegenheit, weitere Vorlesungen wie die des Philosophen Ernst Bloch und des Rhetorik-Professors Walter Jens zu besuchen. Die Kombination von Naturwissenschaften und Ethik dürfte die Basis für mein zukünftiges Engagement gewesen sein.

Im Studium wurde zum einen die "Klassische Physik" gelehrt, die nach wie vor in vielen Bereichen "gilt". Zum andern kam die "Moderne Physik" dazu, die in neu erschlossenen Bereichen frappierende Erkenntnisse liefert. Besonders anregend für mich waren die Quantifizierung von Energie, Komplementarität und Dualismus, Wahrscheinlichkeiten von Vorgängen, Relativität etc. Wichtiges Prinzip für den Erkenntnisgewinn: Es gibt keine "in Stein gemeißelte Wahrheit", sondern ein lernendes Vorgehen: Aus Beobachtungen entstehen Modelle und Theorien, die wiederum durch Experimente überprüft werden. Ergeben sich Unstimmigkeiten, werden die Modelle entsprechend geändert. So lassen sich Dogmen vermeiden, unterschiedliche Sichtweisen im Dialog behandeln und Fortschritte erzielen. 

„Atomphysik“ und „Kernphysik“ gehörten zur Standardausbildung im Physikstudium. Atomphysik beschäftigt sich mit der Atomhülle, während sich die Kernphysik mit Atomkernen befasst. Da es nicht um Kirschkerne geht, verwende ich den Begriff der „Atomkernenergie“. Die Nutzung der Energie der Atomkerne (militärisch und friedlich) war allerdings damals schon umstritten. Nach langer Abwägung schied sie für mich als nicht verantwortbar aus. Ich wollte aber nicht nur gegen etwas sein, sondern mich vor allem für positive Entwicklungen einsetzen. Als Physiker kam ich zu dem Ergebnis, den Fokus meiner Arbeitskraft auf für mich verantwortbare Technikentwicklung, Energienutzung und Umwelttechnik zu lenken.

Die Berufsgruppe der Physiker fand man damals vor allem in der Atomkernenergie-Nutzung, im militärischen Bereich sowie einer Vielzahl anderer Einsatzbereiche. In diesen Feldern hatten mehrere Einrichtungen Interesse an meiner Expertise geäußert (Mikrowellen- und Hochfrequenz-Technik, Quantenphysik, Molekülphysik, Apparatetechnik etc.). Es war damals üblich, dass einschlägige Institute oder Firmen in den Universitäten schon während der Promotion auf die Suche nach passendem Nachwuchs gingen. Zur Überraschung meines Doktorvaters schlug ich diese Angebote aber aus.

Erneuerbare Energien wurden damals oft als „alternaive Energien“ (kein Druckfehler) abgetan und als unwürdig für die Befassung eines seriösen Physiker eingestuft. Zudem wurde ihr Potenzial in etablierten Kreisen auch langfristig als „Peanuts“ klein geredet. Der Rat aus den Reihen der - von der Begeisterung über die hohe Bedeutung der Atomkernenergie geprägten – etablierten Physik für meine Arbeitszukunft lautete: Ich solle meine Zeit nicht mit unwichtigen Dingen wie Sonnen- oder Windenergie vergeuden, sondern mich relevanten, großen, eines Physikers würdigen Aufgaben zuwenden. 

Die Warnungen, mich zukünftig mit Erneuerbaren Energien zu befassen, konnten mich allerdings nicht abschrecken, sondern spornte mich eher an. Die Überwindung großer Hemmnisse, das Durchdringen komplexer Systeme, Disziplin-übergreifendes Herangehen und das Finden gangbarer Wege sah ich als Herausforderung an. Hilfreich dabei waren auch meine sportlichen Erfahrungen, vor allem beim Bergwandern und leichtem Bergsteigen, beim Paddeln auf großen Flüssen und im Wildwasser. Denn dabei waren eine solide Schulung, Durchhaltevermögen, verlässliche Teamarbeit und Freude am Finden von begehbaren bzw. befahrbaren Wegen Voraussetzungen.

In der Theoretischen Physik war ich in der Thermodynamik-Vorlesung auf die Eigenschaften „offener Systeme“ gestoßen, die eine Höherentwicklung ermöglichen. Das System Erde-Sonne-Weltraum ist ein solches offenes System: Die Erde empfängt hochwertige Solarenergie und gibt niederwertige Wärme an den Weltraum ab. Es sollte doch möglich sein, einen Teil dieser hochwertigen Sonnenenergie umzuwandeln und technisch zu nutzen! Dass in der Sonne die Prozesse der Atomkernenergie ablaufen, führte dort zur Freisetzung hochwertiger Energie, die weit entfernt auf der Erde genutzt werden konnte. 

Einige Pioniere befassten sich bereits mit Szenarien und Techniken zur Nutzung dieser Solarenergie bzw. Erneuerbaren Energien. Bei der Suche nach beruflichen Perspektiven in – für mich sinnvollen, interessanten, verantwortbaren - Arbeitsfeldern im Energie- und Umweltsektor stieß ich auf nur wenige, vereinzelte Aktivitäten. Diese befassten sich mit der Entwicklung von an Menschen und Umwelt angepasster Technik und der Nutzung Erneuerbarer Energien. Als ich mich auf eine an der Universität Kassel ausgeschriebene halbe Stelle bewarb, wurde ich sofort genommen. Der weitere berufliche Weg ist in Etappe 2 beschrieben.

 

Eine Literaturauswahl zu dieser 1. Etappe mit prägendem Charakter für den weiteren Berufsweg ist in der Literatur-Übersicht zu allen 6 Etappen enthalten. Für Weitere Informationen hier klicken.


 

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