Etappe 2: Weitere Informationen
Suchprozess - Mensch, Technik, Natur, Erneuerbare Energien
1980-1987: Universität Kassel und Stiftung Mittlere Technologie in Kaiserslautern
1980-1981: Wissenschaftlicher Mitarbeiter in der „Arbeitsgruppe für Angepasste Technologie“ (AGAT) der Universität Kassel
Schwerpunkte:
Analyse technischer Innovationen nach Kriterien der Sozial- und Umweltverträglichkeit
Entwicklung von an Menschen und Natur angepasster Technik in Industrieländern
dezentrale Nutzung Erneuerbarer Energien
Lehrauftrag zur Nutzung der Windenergie in Verbindung mit einem Projekt zur Konstruktion neuer, effizienter, kleiner Windenergie-Anlagen („KLEWIAN“, zusammen mit dem Kollegen Dr.-Ing. H. Hübner und Studierenden)
1982-1987: Geschäftsführer der gemeinnützigen „Stiftung Mittlere Technologie“, Kaiserslautern
Schwerpunkte:
Unterstützung von innovativen Projekten, Studien und Publikationen zu umwelt- und sozialgerechter Technik,
Unterstützung von Ansätzen und Initiativen zum sozial- und umweltgerechten Wirtschaften,
Unterstützung von Ansätzen zur ökologischen Ausrichtung der Forschung,
Organisation von „Rundgesprächen“ einschlägiger Experten zu o.g. Themen und Aufbereitung entsprechender Veröffentlichungen,
Zusammenarbeit mit der "G.M.Pfaff Gedächtnis-Stiftung" und der "Stiftung Ökologie und Landbau" sowie weiteren ökologisch ausgerichteten Institutionen
parallel dazu Lehraufträge an der Universität Karlsruhe sowie an den Hochschulen Kaiserslautern und Fulda zu Erneuerbaren Energien und Angepasster/Mittlerer Technologie
Einordnung:
Die Überwindung überkommener Strukturen in den 70er und 80er Jahren des 20. Jahrhunderts (Stichwort „Studentenunruhen“) mussten mit Inhalten für Neues gefüllt werden. Rückblickend handelte es sich um einen Suchprozess, den einige als Aussteiger und andere im beruflichen Kontext umsetzten. Die beiden Stationen in Kassel und Kaiserslautern enthielten für mich ideale Voraussetzungen, um von erfahrenen Persönlichkeiten und gemeinsam mit ihnen konstruktiv erforderliche Lösungen für drängende Probleme zu entwickeln. Parallel dazu konnte ich meine neuen Erkenntnisse in mehreren Lehraufträgen zu Erneuerbaren Energien und Angepasster/Mittlerer Technologie an hochmotivierte Studierende weitergeben und durch die Rückkopplung mit ihnen dazulernen.
Verschiedene Sachthemen wurden in beiden Stationen unter die Lupe genommen (s. Literatur). Als besonderer Schwerpunkt für meine zukünftige Arbeit kristallisierte sich die Nutzung der Erneuerbaren Energien und der Umbau des gesamten Energiesystems heraus – eine Aufgabe für Generationen. So galt mein Engagement in den folgenden Jahrzehnten der Schaffung einer verantwortbaren Energieversorgung, insbesondere auf der Basis Erneuerbarer Energien, flankiert durch Energieeinsparung/Energieeffizienz.
Zur Definition: Unter „Erneuerbaren Energien“ ist vor allem die direkte und indirekte Nutzung der Energie der Sonne zu verstehen, d.h. die Umwandlung und Nutzung der auf die Erde treffenden Solarstrahlung sowie deren umgewandelte Energie in Form der Wasserkraft, Windenergie, Bioenergie und Wärme. Hinzu kommt die Nutzung der Tiefengeothermie aufgrund der hohen Temperaturen im Erdinnern. Diese Energiequellen sind nach menschlichen Maßstäben fast unendlich und ihr Angebot wird quasi erneuerbar dargeboten.
Meine Motivation wurde durch die Erkenntnisse der Thermodynamik im Physikstudium verstärkt (s. Etappe 1 von 1969 bis 1979): Stichworte wie Energie, Exergie, Anergie, Entropie, geschlossene Systeme, offene Systeme, dissipative Systeme mussten beachtet werden. So bildet das System Erde-Sonne-Weltraum ein „offenes System“ mit einem Austausch von Energie und Materie. Wichtig dabei: Hochwertige Strahlungsenergie der Sonne trifft auf die Erde, während die Erde (Atmosphäre und Erdoberfläche) diese umwandelt und als niederwertige Wärmestrahlung in den Weltraum sendet. Solche offenen, dissipativen Systeme können Ordnung und Strukturen aufbauen und erhalten, sich selbst organisieren und sich höher entwickeln (s. Literatur: Prof. Stumpf, Prof. Haken und Prof. Prigogine, der 1977 den Nobelpreis erhalten hatte).
Mein Forschergeist war geweckt, um das hochwertige und ungeheuer große Energieangebot der solaren Einstrahlung technisch zur Verfügung zu stellen, zumal ein Teil dieser Solarenergie in der Atmosphäre bereits zu Wasser-, Wind-, Wärme- und Bioenergie umgewandelt worden ist. Diese Zusammenhänge – unter besonderer Beachtung der Rolle der Erdatmosphäre – waren auch zentral beim Verstehen des durch Menschen verursachten zusätzlichen Treibhauseffektes und der daraus folgenden anthropogenen Klimaänderungen sowie dem notwendigen Handeln zur Begrenzung der Folgen (s. 3. Etappe von 1988 bis 1990).
Im Energiebereich dominierten damals neben den fossilen Energieträgern die Atomkernenergie. Zur Nutzung der Atomkernenergie hatte sich zunehmend Protest entwickelt, so dass ihre Ablehnung immer mehr zunahm und im Laufe der 80er Jahre auf die Hälfte der Bevölkerung anstieg – Stichwort „Anti-Atomkraft-Bewegung“. M.E. war der Ausstieg aus der Nutzung der Atomkernenergie schon zu Beginn der 80er Jahre dringend notwendig gewesen. Denn im Hinblick auf Gefahren und Risiken der Atomkernenergie (mögl. Unfälle, Anschläge, Bedrohungen, fehlende Endlager, ungewöhnlich große Schadenshöhe, Abhängigkeiten etc.) teilte ich die Bewertung: dringender Ausstieg aus dieser nicht zu verantwortenden Technik.
Die riesigen Gefahren und verheerenden Folgewirkungen der anthropogenen Klimaänderungen durch die von Menschen verursachten Emissionen von Treibhausgasen wurden zu dieser Zeit bereits durch die Wissenschaft erforscht. Sie spielten aber erst im Laufe der 80er Jahre in der Öffentlichkeit eine größere Rolle. Allerdings wurde die Verbrennung fossiler Energieträger auch damals schon wegen begrenzter Ressourcen, der Emission von Luftschadstoffen und deren Folgeschäden sowie wirtschaftlichen Abhängigkeiten kritisch gesehen.
Die Probleme der Verbrennung von Kohle, Erdöl und Ergas sowie die Emission weiterer Treibhausgase konnte ich zum Ende der 80er Jahre im Rahmen meiner Arbeit in der Enquete-Kommission „Vorsorge zum Schutz der Erdatmosphäre“ intensiv erfahren (s. Etappe 3). Meine negative Bewertung der Nutzung fossiler Energieträger wurde dann weiter bestärkt, so dass die dringende Notwendigkeit des Ausbaus der Erneuerbaren Energien immer deutlicher wurde.
Allerdings gab es viele Hemmnisse zu überwinden. Selbst viele „Atomkraftgegner“ gestanden den Erneuerbaren Energien allenfalls längerfristig eine begrenzte Relevanz zu, während sie die Erschließung der Einsparpotenziale für sehr viel wichtiger einstuften. Meine Beschäftigung mit dem Thema ergab aber, dass beide Säulen zukünftiger Energiesysteme „Energieeinsparung / Energieeffizienz“ und „Erneuerbare Energien“ als gleich wichtig einzustufen sind. Die Erschließung der Potenziale der Erneuerbaren Energien regten meinen Forschergeist mehr an, so dass ich beschloss, den Schwerpunkt meiner Arbeit diesem Aufgabenbereich zu widmen – und dabei den Teil „Energieeinsparung/Energieeffizienz“ gebührend mit zu beachten.
Wichtig dabei: Pioniere im Bereich von Physik und verschiedener Ingenieursdisziplinen hatten bereits zu Beginn des 20. Jahrhunderts die wissenschaftlichen Grundlagen für Nutzung der Erneuerbaren Energien gelegt, auf deren Ergebnisse aufgebaut werden konnte. Aufgrund der niedrigen fossilen Energiepreise und der dominierenden Atomenergie-Euphorie waren Ansätze zur Entwicklung moderner, leistungsfähiger Anlagen jedoch weitgehend eingestellt worden.
So waren die für die Windkraftnutzung erforderlichen Kenntnisse der Aerodynamik im Kontext der Flugzeugentwicklung schon Anfang des 20. Jahrhunderts erforscht worden (s. Literatur, Prof. Betz). Analoges galt auch für die Entwicklung der Photovoltaik: Bereits im Jahr 1921 hatte Albert Einstein für seine „Verdienste um die theoretische Physik, besonders für seine Entdeckung des Gesetzes des photoelektrischen Effekts“ den Physik-Nobelpreis erhalten.
Für mich galt es, die Stagnation zu Beenden und die Weiterentwicklung der Nutzung Erneuerbaren Energien kräftig voranzubringen. In der Universität Kassel fand ich in eine Reihe sehr engagierter und kompetenter Hochschullehrer Unterstützung. Insbesondere sind hervorzuheben: Prof. Dr. Ernst Ulrich von Weizsäcker (Präsident der damaligen Gesamthochschule / Universität), Dr. Adam Onken (Leiter der AGAT), Prof. Dr. Werner Kleinkauf (Leistungselektronik und Vorreiter der Entwicklung von Windkraftanlagen – u.a. „GROWIAN“), Dr.-Ing. Hartmut Hübner (Vorreiter der Entwicklung kleiner Windkraftanlagen – „KLEWIAN“), Prof. Dr. Hartmut Bossel (Vorreiter der Umweltsystemanalyse), Prof. Dr. Horst Moser (Elektrische Systeme), Prof. Dr. Hartmut Vogtmann (erster Lehrstuhl für Ökologische Landwirtschaft).
Mein Schwerpunkt in der „Arbeitsgruppe für Angepasste Technologie“ lag neben der Ermittlung von Kriterien und Beispielen für sozial- und umweltfreundliche Technik und Wirtschaft vor allem bei der dezentralen Nutzung von Erneuerbaren Energien (EE) als ein besonders typischer und relevanter Einsatzbereich.
Im Rahmen eines speziellen Lehrauftrags hatten wir - zusammen mit dem Kollegen Dr. Hartmut Hübner - uns in einem Projekt gemeinsam mit engagierten Studierenden die Aufgabe gestellt, eine kleine, effiziente und regelbare Windenergieanlage zu entwerfen, zu bauen und zu testen. Sie wurde „KLEWIAN“ (Kleine Windenergie-Anlage) genannt als Gegenstück zum „GROWIAN“ (Große Windenergie-Anlage). „GROWIAN“ war als FuE-Projekt des Bundes-Forschungsministeriums für den Neubeginn der Windkraftnutzung viel zu groß angelegt gewesen und deshalb gescheitert. KLEWIAN konnte die Stellung der drei Flügel der Windgeschwindigkeit anpassen, wurde auf einem ausgedienten Strommast in Kassel errichtet, funktionierte viele Jahre und diente als Muster für die Entwicklung einer neuen Generation effizienter Windkraftanlagen zur Stromproduktion (s. Literatur).
Aufbauend auf den Erfahrungen mit solchen kleinen Anlagen konnten Maschinenbaufirmen im Laufe der Jahre die Größe Schritt für Schritt steigern, sodass inzwischen auch die Probleme großer Anlagen beherrscht werden. Innerhalb weniger Jahrzehnte ist so im Windenergiebereich eine leistungsfähige Wirtschaftsbranche entstanden, die den elektrischen Strom kostengünstiger produziert als mit konventionellen Energieträgern. Entsprechendes gilt generell für die Nutzung Erneuerbarer Energien und insbesondere für den Solarstrom- und Solarwärme-Bereich.
Nach relativ kurzer Zeit ergab sich die Gelegenheit für berufliche Veränderungen, ohne mein besonderes Anliegen der Erneuerbaren Energien aus den Augen zu verlieren: Nachdem zunächst meine Arbeit in Universitäten eingebettet war, konnte ich nun meinen Erfahrungshorizont auf die Aktivitäten einer wirtschaftsnahen, dem Gemeinwohl dienenden Stiftung auszuweiten. Bei der gemeinnützigen „Stiftung Mittlere Technologie“ in Kaiserslautern war mein „Lehrmeister“ der Stifter, Karl Werner Kieffer. Der Wirtschaftsingenieur war zuvor Vorsitzender des Vorstands und danach Vorsitzender des Aufsichtsrats der Nähmaschinenfabrik Pfaff gewesen. Er hatte mit seinem Vermögen die gemeinnützigen Einrichtungen „Georg Michael Pfaff-Gedächtnis-Stiftung“ zur Förderung von Bildung und Gesundheit sowie die „Stiftung Mittlere Technologie“ und „Stiftung Ökologie und Landbau“ gegründet. Somit bestand auch eine enge Kooperation mit der Schwesterstiftung zur Förderung der ökologischen Landwirtschaft mit Dagi Kieffer als Vorsitzende und Dipl. Ing.-Agr. Immo Lünzer als Geschäftsführer.
Als Geschäftsführer der „Stiftung Mittlere Technologie“ konnte ich somit sehr viel über verantwortungsvolle Wirtschaftstätigkeit erfahren. Der Name dieser Stiftung kam vom Deutsch-Engländer Ernst Friedrich Schumacher, der den Begriff „Intermediate Technology“ geprägt hatte. Sein wegweisendes Buch „Small is Beautiful“ (in Deutsch unter dem Titel „Die Rückkehr zum menschlichen Maß“ erschienen) war meines Wissens das erste Buch, das eine buddhistisch geprägte Wirtschaft beschrieben hat. Er hatte die Bedeutung des "mittleren Wegs" als zentrales Element des Buddhismus in Indien kennengelernt. Dieses Prinzip des „mittleren Wegs“ hatte er für die Entwicklung von Wirtschaft und Technik angewandt und für den Technikbereich „Intermediate Technology“ genannt. Vereinfacht bedeutet dies zusammengefasst: Das Optimum für ein stabiles System liegt danach in der Mitte von zu einfach und zu kompliziert.
Nach diesen beruflichen Erfahrungen lag es nahe, meine Expertise in die Politikgestaltung einzubringen, um im demokratischen Prozess die erforderlichen Entwicklungen zu beschleunigen und in größerem Umfang voranzubringen. Dabei war mir wichtig, auf wissenschaftlich fundierter Basis zu wirken und stets überparteilich zu bleiben, da m.E. die Lösung solcher riesigen Probleme für alle demokratischen Parteien relevant ist. Mein Engagement war auf Resonanz gestoßen, so dass ich meine Arbeit zunächst im Wissenschaftlichen Dienst des Deutschen Bundestags und danach im Bundesumweltministerium fortführen konnte (Weiteres dazu in den Etappen 3 ff).
Eine Literaturauswahl zur 2. Etappe ist in der Gesamt-Literaturliste zu allen 6 Etappen enthalten.
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